Steinway ist der Roman meiner Mutter, erschienen nur auf Deutsch bei Matthes & Seitz Berlin https://www.lovelybooks.de/autor/Rongfen-Wang/Steinway-5256260743-w/

 

Beginnen wir am Ende. Die Hauptfigur, die Komponistin Cheng, hat Gef├Ąngnis und Kulturrevolution ├╝berlebt und plant ihren Urlaub, ihre Tochter ist erwachsen und auf und dran, zum Studieren nach Amerika zu gehen. Aufbruch, Freiheit, Leichtigkeit ist in der Pekinger Luft, und leichter Fr├╝hlingsregen. So hat sich China auch 2000-2019 angef├╝hlt, aber das Jahr ist ÔÇô1989.

Nat├╝rlich wissen wir alle, was im Juni 1989 geschah. Zumindest der deutschsprachige Leser. Der durchschnittliche chinesische Leser wei├č es nicht. In den letzten 35 Jahren hat die chinesische Regierung alles versucht, um die Erinnerung an jenen Monat auszul├Âschen. Von der Kulturrevolution handelt der Rest des Buches; dazu gibt es viele Romane, Filme, die helfen, uns daran zu erinnern, das Trauma zu verarbeiten. Vom Sommer 1989 gibt es eine Handvoll Romane, Gedichte, ein Bild: ein Bild von einem Mann vor einem Tanker.

Und deshalb ist dieser letzte Teil von Steinway so wichtig. Es ist wichtig, die Familien Cheng und Shi bei ihren atemlosen Versuchen zu beobachten, sich im Chaos der Sch├╝sse und Panzer zurechtzufinden, den Vater zu suchen, der einen Angeschossenen ins Krankenhaus gebracht hat und bei dem Verletzten bleibt, mitzuerleben, wie sie am Telefon h├Ąngen und sich schlie├člich auf die Stra├če trauen, die gespenstisch leeren Stra├čen dieser vollen, chaotischen Stadt. Drei Generationen zwischen Klavierunterricht und Ruhestand, der freche junge Erz├Ąhler, seine flei├čige Schwester, die Omas, die alles besser wissen und kommentieren. Das Tiananmen-Massaker ist nicht nur ein Symbol. Tausende Menschen wurden get├Âtet, von ihrer eigenen Armee, in dieser geliebten Stadt, die ebenfalls eine Hauptfigur ist in diesem Buch und lebt, ├╝berlebt, ein Netz von Stimmen, von Lebenden und von Toten, denn es sterben viele Menschen in diesem Buch. Es ist kein Buch f├╝r Zartbesaitete.

Genau wie die Kulturrevolution ist das Tiananmen-Massaker nicht vorbei. Wie die Omas im Buch zueinander sagen: Geschichte kehrt wider. Ein Schrecken mag vor├╝bergehen, der n├Ąchste wird folgen. Wie sch├Ân waren die letzten zwanzig Jahre in Peking. Schon jetzt sehen wir, dass sie vorbei sind. Und genau deswegen ist es wichtig, dass wir diese Ereignisse nicht vergessen. Dass wir die Geschichten drum herum h├Âren, uns die Bilder vorstellen k├Ânnen. Ich w├╝nsche mir Filme ├╝ber jenen Monat, Lieder, Popkultur, Vortr├Ąge. Denn nur die Erinnerung kann uns dabei helfen, die Wiederkehr des Schreckens abzuwenden. Das Buch ist voller Hoffnung, trotz all der Toten. Wir, unsere Generation, wir sind die Hoffnung.

Meine Mutter hat lange an Steinway geschrieben, aber es ist keine Autobiographie. Ich erkenne Geschichten wieder, Figuren (meine erste Klavierlehrerin, die Hauptfigur, die eine Aff├Ąre mit Mao beginnt!), aber es geht hier nicht um ein Einzelschicksal. Es geht um eine Stadt, Peking, ein Land, China, das Leben an sich. Meine Eltern hatten sehr viel Gl├╝ck. Sie haben ├╝berlebt. Viele andere haben es nicht geschafft: die Schwester meiner Mutter, eine Schwester meines Vaters, eine seiner Tanten und deren Schwiegersohn. Der Roman ist auch eine Hommage an all diese Figuren, die wir so leicht vergessen k├Ânnten. Meine Mutter hat es ihren Leidensgenossinnen aus dem Gef├Ąngnis gewidmet.

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